Wo bin ich? Wo ist mein Stuhl über mir? Warum riecht es plötzlich so anders? Als ich meine Augen aufschlage, wird mir sofort klar, dass ich nicht mehr bei meiner Pflegemutter bin.
Der gestrige Tag fällt mir wieder ein. Ich bin immer noch bei Jenny und Rene. Ich liege am Fußende des Menschenbettes, auf einem Teppich. Jenny hat gestern Abend mehrmals probiert mich zu meinem Bett im Schlafzimmer zu führen, gleich neben ihrer Schlafseite. Aber hier ist alles so eng und da fühlte ich mich echt nicht wohl bei. Irgendwann hat Jenny aufgegeben und ich blieb hier auf dem Teppich liegen. Ich war ganz oft wach in der Nacht. Alles war so anders. Die Geräusche, die Gerüche, die Nacht fühlte sich sehr lang an. Warum fühlt es sich auf der einen Seite so richtig an, hier zu sein und auf der anderen Seite so fremd und einschüchternd? Ich spüre so viel auf einmal und kann es gar nicht zuordnen. Ich bin ganz durcheinander. Plötzlich guckt mir Jennys Gesicht vom Bett aus entgegen. Und lächelt mich an. Da fühle ich mich gleich etwas besser. Sie sieht auch sehr müde aus. Ich glaube, wir haben alle nicht gut geschlafen. Ich bekomme gleich eine liebevolle Streicheleinheit und ich lege mich besser nochmal hin, damit Jenny auch gut an meinen Bauch ran kommen kann. Da mag ich es besonders gekrault zu werden.
Nach einiger Zeit stehen Rene und Jenny aus dem Bett auf und ich komme ihnen gleich hinterher. Was machen wir jetzt? Beide verschwinden in einen Raum und schließen die Tür hinter sich zu. Hmm, jetzt bin ich hier alleine. Und nun? Weil ich nicht weiß was ich machen soll, schnuppere ich mal hier und mal dort. Ganz fremd ist mir diese Wohnung nicht. Ich war schon ein paar Mal hier, erinnere ich mich. Dann kommt Jenny wieder aus dem Raum raus und freut sich mich zu sehen. Ich bin nur erstaunt. Erst ist sie da und dann weg und jetzt wieder da. Ich hoffe sie verschwindet nicht wieder so schnell wie eben.
Sie geht mit mir in einen anderen Raum und zeigt mir eine Schüssel mit Wasser. Dann holt sie Fleisch aus einem Schrank (das kann ich deutlich riechen) und macht das in eine andere Schüssel und stellt sie auf den Boden. Ich fühle mich noch viel zu aufgeregt, um Hunger zu verspüren. Naja, es riecht schon ganz gut, aber irgendwo klappert es, Rene läuft durch die Wohnung und aus einem geöffneten Fenster höre ich Stimmen von Draußen. Alles sooo unheimlich. Jenny setzt sich neben die Schüssel und redet mit freundlicher Stimme auf mich ein. Ich würde ja gerne, aber dann sehe ich nicht was hinter mir passiert. Dann kommt Rene in die Küche und setzt sich auf einen Stuhl. Jenny macht die Tür und das Fenster zu. Jetzt wird es ruhig. Keiner bewegt sich. Ich glaube, jetzt kann ich es wagen ein paar Happen zu nehmen. Es riecht ja doch zu köstlich. Jenny sitzt dabei neben mir und passt auf, dass ich nicht von hinten angegriffen werde. Das finde ich gut. Nach ein paar Bissen merke ich aber, wie mir das Futter schwer im Magen liegt und ich höre lieber auf mit fressen.
Jenny räumt alles weg und dann fressen Rene und Jenny was. Ich darf daneben sitzen. Oh, ich muss jetzt aber dringend mal raus. Meine Blase drückt. Ich gehe zur Tür und setze mich davor hin. Ich habe mir gut gemerkt, dass es hierdurch zum Garten geht. Aber keiner von den beiden bemerkt mich hier. Was soll ich jetzt machen? Ich gehe nochmal in die Küche gucken, aber sie registrieren mich nicht. Ich kann nicht mehr. Ich gehe zurück in den Flur und hocke mich hin. Ahhh, Erleichterung. Obwohl ich das lieber im Garten gemacht hätte. Plötzlich springt Rene auf und kommt in den Flur. Jenny kommt mit einem Lappen in der Hand hinterher. Rene zieht mir mein Geschirr an und befestigt eine lange Leine dran. So gehen wir in den Garten und ich kann überall mal schnuppern.
Kurze Zeit später kommt auch Jenny in den Garten und wir gehen zusammen aus dem Garten raus und die Straße runter. Hier finde ich es sehr gruselig. Ich atme immer schneller und merke wie mein Herz stark gegen meine Brust schlägt. Ich ziehe und zerre an der Leine. Im Haus sind mir Jenny und Rene etwas angenehmer. Hier draußen fühlt es sich merkwürdig an und ich möchte einfach nur weg. Meine Geschäfte kann ich hier draußen sowieso nicht erledigen. Ich habe dafür viel zu viel Angst. Alles ist fremd und so ganz anders als bei der Pflegemutter. Ich weiß einfach nicht wohin mit mir. Endlich sind wir wieder im Garten angelangt. Ich bin total erschöpft und müde. Doch bevor ich mich hinlegen kann, muss ich wieder durch diese große Tür hindurch. Diesmal kann ich gar nicht viel drüber nachdenken, weil mich Jenny an der Leine ganz schnell an der Tür hindurch führt. Ab hier kann ich wieder leichter atmen. Geschafft. Meine Pfoten werden noch mit einem Tuch sauber gemacht und dann bringt mich Jenny in mein Bett. Schlafen!
…….Zwischendurch öffne ich immer mal wieder ein Auge und schaue mich um. Es scheint vollkommen ok zu sein, hier zu liegen und nichts zu tun. Das gefällt mir. Ich schlafe immer wieder ein. Kurz und fest. Ich träume viel. Draußen wird es schon dunkel und Rene geht mit mir noch mal in den Garten. Diesmal kann ich hier entspannt mein Geschäft machen.
Ich finde das schon besser so, als in die Wohnung zu pinkeln. Ich hoffe Jenny und Rene sehen das auch so, damit ich immer raus gelassen werde, wenn ich mal muss. Als ich mich wieder durch die Tür zurück in die Wohnung gequält hatte, saß Jenny auf Decken auf dem Boden. Sie zeigte mir, dass ich bei ihr willkommen bin. Sofort ging ich zu ihr und setzte mich neben sie. Jetzt wurde ich ausführlich gestreichelt.
Rene setzte sich langsam auch auf den Boden und ich zeigte ihm meinen Bauch, um sicherzugehen, dass er versteht, dass ich keinen Stress möchte. Er verstand es. Mein Bauch wurde ganz zart gestreichelt. Das war so schön.
Irgendwann ging es nochmal in die Küche und ich sollte was fressen. Ich mochte aber nicht. Mein Magen fühlte sich immer noch so schwer an. Daraufhin gingen wir wieder auf die Decke ins Wohnzimmer und ich wurde den ganzen Abend lang gestreichelt. Das ist meine Welt. Ich glaube, wenn das immer so ist, kann ich mich hier richtig wohl fühlen. Aber bisher gibt es noch zu viele Dinge, vor denen ich Angst habe.
Aber daran mag ich jetzt gerade nicht denken. Jenny machte mir irgendwann später nochmal mein Geschirr um und nahm mich an der Leine mit in das Zimmer wo wir nachts geschlafen haben. Diesmal konnte ich ihr besser an der Leine folgen und ich lag zum ersten Mal in meinem Bettchen im Schlafzimmer. Gleich neben Jenny. Ab und zu kam Jennys Hand zu mir nach unten und streichelte mich. Das tat mir gut. Diese Nacht schliefen wir drei besser.
Im nächsten Kapitel erzähle ich dir, was mir Jenny am nächsten Tag schon beigebracht hat und wie ich meiner Angst vor Türen und Fenstern entgegenblicken musste.
Tierische Grüße, Dolima
